SORA Demokratie Monitor 2020

Anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung der Ersten Republik hat SORA Institute for Social Research and Consulting den Demokratie Monitor ins Leben gerufen. Das Parlament ist ein Kooperationspartner dieses Projekts.  Der Demokratie Monitor zeigt jährlich den Zustand der Demokratie aus Sicht der Bevölkerung auf und beobachtet dahingehende Entwicklungen über die Zeit. Drei Fragen stehen dabei im Vordergrund: Welche grundlegenden Einstellungen haben die Menschen zur Demokratie als Staatsform? Vertrauen die Menschen dem politischen System in Österreich? Und beteiligen sie sich an politischen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen?

Aus der Zusammenfassung des SORA Demokratie Monitors 2020:

„Der Demokratie Monitor wird seit dem Jahr 2018 einmal pro Jahr erhoben und gründet auf einer repräsentativen Befragung von Menschen ab 16 Jahren mit Wohnsitz in Österreich. In den erst drei Jahren seines Bestehens hat der Demokratie Monitor bereits turbulente Zeiten begleitet: 2019 prägte die auf „Ibiza“ folgende Staatskrise das Land und stellte das Vertrauen der Menschen in die Demokratie auf die Probe, 2020 folgte die Corona-Pandemie. Deren Auswirkungen sind weitreichend: Ein Drittel der Menschen berichtet infolge der Pandemie von einer Verschlechterung ihrer finanziellen Situation, mehr als ein Viertel von einer angeschlagenen psychischen Gesundheit.”

„Dies geht auch an den Einstellungen der Menschen zur Demokratie nicht spurlos vorüber: Zwar ist die Demokratie als grundlegendes System nach wie vor breit verankert – nahezu neun von zehn Menschen sind davon überzeugt, dass die Demokratie, auch wenn sie Probleme mit sich bringen mag, die beste Staatsform ist. Dahingehende Verunsicherung beobachten wir jedoch im ökonomisch schwächsten Drittel und in der Mitte der Gesellschaft: In beiden Gruppen ist die Zustimmung zur Demokratie heuer weniger stark ausgeprägt als noch in den Jahren zuvor. Aktueller Grund hierfür ist die Betroffenheit von den Auswirkungen der Corona-Pandemie, welche im ökonomisch schwächsten Drittel besonders hoch, jedoch auch in der Mitte der Gesellschaft deutlich höher als im ökonomisch stärksten Drittel ist: Hat sich die finanzielle Lage oder die psychische Gesundheit der Menschen im Zuge der Pandemie verschlechtert, leidet auch ihr demokratisches Selbstverständnis.

Im Gegensatz dazu hat die Staatskrise des Jahres 2019 die grundlegenden Einstellungen zur Demokratie im ökonomisch schwächsten Drittel und in der Mitte der Gesellschaft nicht tangiert. Im ökonomisch stärksten Drittel hat sie jedoch Aufruhr verursacht und einen Anstieg an autoritären Einstellungen mit sich gebracht. Der Demokratie Monitor 2020 verweist nun darauf, dass dies ein vorübergehendes Phänomen war, denn die autoritären Einstellungen im ökonomisch stärksten Drittel sind dieses Jahr wieder auf ihren Ausgangswert von 2018 zurückgegangen. Damit haben die autoritären Einstellungsmuster in der Bevölkerung auch insgesamt wieder etwas abgenommen.

Das Vertrauen in die Demokratie in Österreich ist 2019 im Zuge der Staatskrise hingegen in allen Bevölkerungsgruppen eingebrochen – letztes Jahr dachte nur mehr die Hälfte der Menschen, dass unser politisches System gut funktioniert. Auch hier beobachtet der Demokratie Monitor 2020 eine Erholung, denn dem politischen System vertrauen inzwischen wieder zwei Drittel der Menschen – ebenso viele wie im Jahr 2018. Im Zuge der Corona-Pandemie ist außerdem das Bewusstsein für demokratische Institutionen und Prozesse an-gestiegen: Mehr Menschen als in den Jahren zuvor vertrauen dem Parlament und fordern einen Ausbau der Oppositionsrechte. Auch pocht die überwiegende Mehrzahl der Menschen darauf, dass gerade in schwierigen Zeiten wie diesen die demokratischen Spielregeln eingehalten werden müssen.

Im Corona-Jahr hat das Vertrauen in das politische System in allen Bevölkerungsgruppen wieder zugelegt. Nach wie vor drückt jedoch ökonomische Unsicherheit auf dieses Vertrauen und behindert außerdem politische Beteiligung. Der Demokratie Monitor 2020 hat dies genauer unter die Lupe genommen und festgestellt: Verantwortlich für das geringere Vertrauen und die geringere politische Beteiligung des ökonomisch schwächsten Drittels sind spezifische Erfahrungen, die die Menschen entlang ihrer sozialen Lage mit bzw. als Teil von Demokratie machen.

So bekommen die Menschen im ökonomisch schwächsten Drittel häufig vermittelt, dass sie selbst, ihre Arbeit und ihre Lebensweise weniger wert sind. Sie berichten außerdem häufig von Diskriminierung beim Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheitseinrichtungen. Und sie haben insgesamt weniger Möglichkeiten, ihre Lebensumstände und Arbeitsbedingungen mitzugestalten. Beteiligen sie sich politisch, erfahren sie wiederum seltener, dass dies tatsächlich etwas verändern kann. All das bedingt ihr geringes Vertrauen in die Demokratie, deren zentrales Versprechen jenes nach politischer Gleichheit ist:

Egal wer wir sind, was wir besitzen oder woher wir kommen – wir sind gleich viel wert, haben gleichen Zugang zu demokratischen Errungenschaften und können die eigenen bzw. die uns alle betreffenden Lebensumstände im selben Ausmaß politisch mitgestalten. Der Demokratie Monitor 2020 legt offen, dass dies für die Menschen im ökonomisch schwächsten Drittel nicht gilt – ihre Erfahrungen im Kontext von Demokratie sind geprägt von Ungleichwertigkeit und Abwertung, Zugangsdiskriminierung und dem Ausschluss von (wirksamer) politischer Beteiligung. Ist es uns Ernst mit der Demokratie, können wir das nicht länger ausblenden. Dies gilt ganz besonders auch in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, denn Ausnahmesituationen wie diese legen nicht nur bestehende Ungleichheiten offen, sie verstärken diese noch weiter.”


Quellenauswahl

Backhaus, Klaus / Erichson, Bernd / Plinke, Wulff / Weiber, Rolf (2008): Multivariate Analysemethoden. Berlin: Springer.

Baur, Nina / Florian, Michael (2009): Stichprobenprobleme bei Online Umfragen. In: Jackob, Nikolaus / Schoen, Harals / Zerback, Thomas (Hrsg.): Sozialforschung im Internet. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S.  109-129.

Bortz, Jürgen / Döring, Nicola (2006): Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschafter. Heidelberg: Springer.

Elsässer, Lea (2018): Wessen Stimme zählt? Soziale und politische Ungleichheit in Deutschland. Frankfurt am Main: Campus.

Schräpler, Jörg-Peter (2000): Was kann man am Beispiel des SOEP bezüglich Nonresponse lernen? ZUMA-Nachrichten 46, S. 117-149, verfügbar unter: http://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/zeitschriften/zuma_nachrichten/zn_46.pdf


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Den Link zum Demokratie Monitor finden Sie hier: Demokratie Monitor

Die Langfassung zum Download finden Sie hier: SORA Bericht Demokratie Monitor 2020-barrierefrei (PDF, 1 MB)